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News


Linux-Trend auf Smartphones
Donnerstag, den 28. Januar 2010 15:01
 

VON: LUDGER SCHMITZ*

 

Microsoft schaltet in den Panik-Modus

Im Redmonder Hauptquartier von Microsoft, scheint ganz schön dicke Luft zu sein. Zum einen will es dem Konzern nicht gelingen, alte Besitztümer gegen Linux zu verteidigen. Zum anderen ist das Scheitern unübersehbar, den zukunftsträchtigen Markt Mobile Computing nach Plan zu erobern. Da wird’s schon mal psychologisch.


Irgendwo zwischen kognitiver Dissonanz und Marketing-Nebelbombe bewegt sich Robbie Bach. Der ist bei Microsoft der Boss für „Entertainment and Devices“ und hat ein Problem: Im dritten Quartal 2009 war der Marktanteil des von ihm zu verantwortenden Geschäfts mit Microsoft Mobile auf 7,9 Prozent gefallen. Ein Jahr zuvor hatte die Gartner Group seiner Microsoft-Truppe noch 11,1 Prozent eingeräumt. Das ist ein Absturz um fast ein Drittel.


Bachs Chef Ballmer dürfte getobt haben, weshalb der in den Panikmodus schaltete und sich auf eine alte Managementmethode besann: den Markt herbeireden. Linux werde im Handymarkt wieder verlieren; denn es habe einen Nachteil. Vor allem sei es schlecht, dass bei den mobilen Geräten die Kunden so viele Auswahlmöglichkeiten hätten. 17 Linux-basierende Handsets zählt Bach. Das sei schlecht für die Kunden.


Jim Zemlin, Chef der Linux Foundation, die sich die Standardisierung und Verbreitung von Open Source auf die Fahnen geschrieben hat, ist das nicht entgangen. Cool rechnet er Bach vor, dass so ziemlich sämtliche Smartphone-Anbieter – komplett oder für einen hohen Geräteanteil – inzwischen Linux für ihre Devices verwenden. Google, Palm, Motorola, LG; Nokia ist auch auf Open-Source-Kurs. Name it, you got it.


Die tun das nicht nur, weil sie mit Linux sparen, sondern, wie Zemlin darlegt, dadurch in ihrem Geschäft freier agieren können. Denn wer früher nicht Microsoft nehmen wollte, musste ein Betriebssystem selbst erfinden, was ziemlich Expertise erfordert und prompt kostet. Jetzt wird ein bekannter Linux-Kernel auf die benötigten Funktionen reduziert. Es fallen keine Lizenzgebühren an, und Auflagen für die Verbreitung gibt es auch nicht. Und schon gar keine Vorgaben oder Einschränkungen für die Weiter- und Folgeentwicklungen.


Im heute Preis-getriebenen einstigen Hochpreis-Segment der Smartphones reicht eigentlich schon das Argument der Kosten. Weil hier aber die Zahl der verfügbaren Applikationen (siehe Apples iPhone) ein zentrales Verkaufargument sind, müssen den Herstellern alle Auflagen zuwider sein. Microsofts Lizenzkosten-treibendes und restriktives Geschäftsmodell ist zum Scheitern verurteilt. Da kann der Redmonder Abteilungsboss Bach noch so sehr beteuern, das sei „nicht per se ein Business-Problem“.


Zemlin hat meines Erachtens einen wesentlichen Faktor unerwähnt gelassen. Er erwähnt zwar den Begriff „ecosystem“, greift ihn aber nicht wirklich auf. Denn, was passiert, wenn immer mehr Handy-Anbieter auf Linux setzen? Die Applikationen für die Smartphones, das Verkaufsargument, lassen sich mit ziemlich geringem Aufwand auf andere Handys migrieren. Gegen das Linux-basierende Angebot von Anwendungen kann Mircosoft Mobile heute schon lange nicht mehr mithalten. Es werden immer mehr, schneller als bei jeder Microsoft-Plattform.


Es kommt noch dicker. Denn diese Applikationen lassen sich flugs auch auf andere Systeme portieren, nämlich auf Server und Clients. Das gibt dem Open-Source-Markt einen neuen Schub. Es wird mehr Leuten erkennbar, dass Linux nichts unbekanntes, gefährliches ist, sondern „Commodity“, allgegenwärtig – und einfach funktioniert. Es verschiebt die Wahrnehmung von Linux und Open Source.


Manche träumen schon wieder von Linux auf dem Desktop – ich kann das schon seit Jahren nicht mehr hören. Aber wie relevant werden die heutigen PCs in ein paar Jahren noch sein? In Firmen und öffentlichen Verwaltungen stellen schon lange Server die Applikationen zur Verfügung. Virtualisierung ist seit Jahren das Thema, Google versucht mit Android die Anwender stärker in Richtung Cloud zu drängen, aber in der nahen Zukunft geht es um Desktop-Virtualisierung. Demnächst bekommen die Anwender ihre gewohnten Smartphone-Anwendungen auch in der Firma auf den Arbeitsplatz-PCs – für Linux XYZ geschrieben, und portiert allgegenwärtig.


Ein großer Markteffekt für Microsoft hat hat immer darin bestanden, dass die Millionen privater MS-PC-Anwender auch im Job nicht auf ihre gewohnten MS-Applikationen verzichten mochten. Wenn die zunehmend mobil werden, Handys mehr zur Hand sind als PCs und funktionieren-weil-Linux, bekommt Microsoft ein Problem. Die Firma, die einst Big Blue auf Kreuz legen konnte, hat ein ähnliches Problem wie IBM ab den späten 1980er Jahren: Paradigmenwechsel. Wieder ist die Ursache die Verbreitung eines neuen Typs Hardware.

*Ludger Schmitz ist freier Journalist in München.

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